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Analysen

Politik als Mythos: Kampf um die ideologische Hegemonie

Josef Schüßlburner
Politik als Mythos: Kampf um die ideologische Hegemonie
Betrachtungen unter Bezugnahme auf Japan


(Partei-)Politische Ideologien sind säkularisierte Mythen, die notwendigerweise zur Moderne gehören. Auch wenn die „Aufklärung“ die Absicht hatte, die „Herrschaft der Vernunft“ ohne Mythen und „Vorurteile“ zu errichten, so ist festzuhalten, daß als Folge dieses Versuchs nur totalitäre politische Mythen wie die Mythologie des Sozialismus aufgetreten sind, die dann doch nur eine (Pseudo-)Säkularisierung einer spätantiken gnostischen Religiosität darstellen, die im verdrängten Sektenwesen tradiert worden war. Politik wird solange „mythisch“, d.h. in große sinnstiftende Erzählungen eingebettet sein, solange sich die grundlegenden Fragen des „Warum“ der menschlichen Verhältnisse nicht naturwissenschaftlich beantworten lassen (was wohl nie der Fall sein wird). Die Tatsache, daß diese Fragen, die etwa bei der Legitimität politischer Macht eine erhebliche Bedeutung haben, zur praktischen Daseinsbewältigung einfach abgebrochen werden müssen (Gesetze gelten, weil sie Gesetzes sind), legitimiert die Demokratie als politische Entscheidungsform; denn ließe sich für grundlegende politische Problemstellungen zwingend eine quasi naturwissenschaftliche Lösung finden, könnte dies nur die Herrschaft des Philosophenkönigs legitimieren - die der Rationalismus, sei es in Form des aufgeklärten Absolutismus oder des „wissenschaftlichen Sozialismus“ denn auch angestrebt hatte! Der sich als „demokratisch“ verstehende Sozialismus mußte dazu die Freiheit als „Einsicht in die Notwendigkeit“ (Engels) einer Entwicklung definieren, die ja eigentlich, wenn die menschliche Entwicklung (natur-) wissenschaftlich determiniert wäre, ja ohnehin eintreten müßte, so daß die Einbettung des Marxismus in die Tradition der vorwissenschaftlichen Astrologie unverkennbar ist. Gegenüber einem derartigen Pseudorationalismus ist festzuhalten: „Politisches Handeln bedarf auch im postideologischen Zeitalter der Einbettung in eine große, die Vergangenheit mit der Zukunft verbindende Erzählung. Sie verleiht den tagtäglich zu treffenden Entscheidungen einen Sinn. Solche Mythen können Mut machen, sie sind aber immer auch ein Mittel im Kampf um die Macht“ (Herfried Münkler, Mythischer Zauber, in: FAZ vom 10.08.2010, S. 8).

Die Gefährlichkeit politischer Mythen, die ihnen aufgrund ihrer unvermeidbar willkürlichen Annahmen und auch wegen ihres potentiellen Kampfcharakters und der Singularität der Sinnstiftung (es gibt nur einen „Sinn“) notwendigerweise anhaften, kann nur durch einen Mythenpluralismus, eine Polymythie, gezähmt werden, der mit dem Pluralismus der Kunststile und von Lebenseinstellungen einhergeht, was auf der politischen Ebene bei aller juristischer Rationalität, auf die nicht verzichtet werden darf, letztlich entscheidenden Emotionalität der Menschen untrennbar verbunden ist. Dies bedeutet, daß es zum einen eine Vielzahl konkurrierender Staaten mit ihren unterschiedlichen kollektiven Legitimationsmythen geben muß und nicht nur den einen Mythos der Französischen Revolution oder von God’s own Country oder nur den einen von den politischen Klassen von „Europa“ (in der Tat der griechischen Mythologie entsprungen!) zunehmend angestrebten europäischen Einheitsmythos etwa in Form einer vereinheitlichten „Erinnerungskultur“, also der Geschichtspolitik mit Sinndefinition zur Begründung ansonsten kaum begründbarer „Werte“. Zum anderen müssen sich innerhalb eines (demokratischen) Herrschaftssystems rechte und linke ideologie-politische Tendenzen beim Ringen um die vorübergehende ideologische Hegemonie mit ihrem unterschiedlichen Weltverständnis im offenen, aber friedlich ausgetragenen Antagonismus gegenseitig in Schach halten, um politische, weltanschauliche und kulturelle Freiheit zu verwirklichen.

Diese Überlegungen werden im vorliegenden Essay unter Bezugnahme auf die japanische Neuzeit angestellt, da der linken Mythenkritik, welche den besonders mythologischen Charakter linker Welterklärungen gerne übersieht, als befremdlich vorkommt, daß in Japan, in diesem nicht-europäischen Land, das den Sprung in die industriellen Moderne geschafft hat, die Entwicklung zu dieser naturwissenschaftlich-technisch geprägten Moderne einhergegangen ist mit der Restauration der Herrschaft eines mythischen Priesterkönigs. Der Erfolg Japans ist dabei wesentlich darauf zurückzuführen, daß dort, anders als in China, die durchaus vorhandenen Ansätze linker politischer Mythologien zurückgedrängt werden konnten. Etablierte Mythologeme, die durch die Tradition legitimiert sind, sind dabei deshalb weniger gefährlich als ad hoc ausgerufene linke Revolutionsmythologien, weil sie als gewissermaßen natürlich erlebt bei weitem weniger mit den auf Rationalität basierenden Kulturelementen in Konflikt geraten (da sie dazu nicht in Gegensatz gebracht werden). Die, weil auf tradierte Mythen anspielend, als „konservative Revolution“ zu definierende Meiji- Restauration hat dabei auch verhindert, daß Japan in der Krisenzeit der 1930er und 40er Jahre ein faschistisches Regime geworden ist (auch wenn die Linke das Gegenteil behauptet). Der anders als in Deutschland verhinderte formale Kontinuitätsbruch bei der politischen Herrschaftsabfolge, der den Bedarf an neuen Mythen reduziert, stellt noch immer sicher, daß die etablierte polische „Mitte“ notwendigerweise nach rechts vermittelt, während sie in Deutschland aufgrund des allein schon durch „Europa“ erzeugten Bedarfs an neuen Mythen zunehmend nur nach links vermittelt, wodurch langfristig eher der Erfolg Japans als derjenige Deutschlands garantiert ist: Die Linksvermittelung in Deutschland bewirkt, daß das Fremde das Eigene ersetzen soll, die Rechtsvermittelung in Japan bedeutet, daß das Fremde dazu benutzt wird, das Eigene neu und besser zu bestimmen.

Beim vorliegenden Essay handelt es sich um den dritten und abschließenden Teil einer nach Ansicht des Verfassers sehr erkenntnisfördernden Betrachtung Japans, deren vorausgehenden Teile

LinkNationalismus als Bedingung für Moderne und Fortschritt. Vergleichende Betrachtungen zu Japan

und

LinkDie (relative) Natürlichkeit der Nation - Betrachtung am Beispiel Japan

darstellen. Die Behandlung des japanischen Bezugsfalls zur Darstellung der Legitimität des Nationalstaatskonzepts und einer (partei-)politisch rechten Hegemonie ist auch der Tatsache geschuldet, daß in diesem Jahr (2011) 150 Jahre deutsch-japanische Beziehungen gefeiert werden. Am 24.01.1861 ist der Freundschafts-, Handels- und Schiffahrtsvertrag zwischen dem König von Preußen und dem Shogun (im Vertrag als Taikuhn bezeichnet) abgeschlossen worden:

Linkhttp://www.unterstein.net/or/docs/PreussenHandel1861.pdf


Es handelt sich hierbei um einen typischen „ungleichen Vertrag“ von der Art wie ihn westliche Mächte damals mit nicht-europäischen Herrschaftsgebilden abgeschlossen haben, der aber ungeachtet dessen den Beginn einer wichtigen internationalen Beziehung markiert.

Den mythologischen Charakter der linken Weltsicht hat der Verfasser in seinem Werk

LinkRoter, brauner und grüner Sozialismus: Bewältigung ideologischer Übergänge von SPD bis NSDAP und darüber hinaus, 2008

ausführlich dargelegt.

Die demokratiekonforme Zähmung des unvermeidbaren ideologischen Elements der Politik hat der Verfasser in seinem Werk

LinkKonsensdemokratie. Die Kosten der politischen Mitte

dargestellt.



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