Links Enttarnt

Analysen

Die weltweite Ähnlichkeit des leftism

Josef Schüßlburner
Die weltweite Ähnlichkeit des leftism: Der Utopist Ando Shoeki (1703-1762) im Kontext des Links-Rechts-Antagonismus in Japan

Im Unterschied zu China weist Japan eindeutig eine weltanschaulich-politische dominierende Rechtstendenz auf, was sich am Mangel eines utopischen Denkens in Japan aufzeigen läßt. Die Präponderanz der politisch rechten Strömung erklärt sich schon daraus, daß es galt, sich gegen den chinesischen Universalismus als partikuläre Größe zu behaupten. Die Hinwendung zu chinesischen Konzepten kennzeichnet damit die japanische Linkstendenz, die Abwehr chinesischer Konzepte die Rechtstendenz. Dabei läßt sich die links-rechts-Bipolarität schon im ideologische Gegensatz von Odo und Tenga im japanischen Mittelalter nachweisen, wobei die (eher genuin japanische) Odo-Ideologie die Position vertrat, daß das Land dem König gehört und alle Beherrschten seine Diener seien, während die (chinesisch beeinflußte) Tenga-Ideologie das bewohnte Land als selbständige Einheit betrachtete, das von einem Fürsten nur beherrscht werden dürfe, solange er ordentlich regiert. Etwas abweichend von China, wo die Mitte als zentralistische Obrigkeit die gegensätzlichen linken und rechten Tendenzen zentralstaatlich zu vereinheitlichen suchte, wurde in Japan mit der Unterscheidung von fudai / tozama (Innen-/ Außen-) Fürstentümer die politische Bipolarität von herrschender Macht und (potentieller) Opposition grundsätzlich anerkannt, was dann auch größeren Raum bot, unterschiedliche politische Schulrichtungen mit eher rechter oder eher linker Tendenz zum Ausdruck zu bringen. Aus dem in Opposition zum Tokugawa-Shogunat stehenden tozama-Fürstentümern konnte dann das moderne Japan unter einer ideologisch rechten Hegemonie begründet werden, die noch heute für das politische System Japans maßgebend ist. Aufgrund der Selbstbehauptung gegenüber dem chinesischen Universalismus hatte Japan besondere Mechanismen zur Neutralisierung linker milleniaristischer Tendenzen entwickelt, die in Asien etwa um die Figur des künftigen Buddha Maitreya kreisten. In Japan wurde dabei betont, daß Maitreya die „Weltsanierung“ als Herrscher durchführen würde und so wurde diese Figur in einen Prinzenkult eingebunden, in dessen Zentrum der Kultur-Heros Shotoku Taishi (Prinz Shotoku) stand, der noch heute von der maßgeblichen Richtung des japanischen Buddhismus als Verkörperung von Bodhisattva Avalokiteshvara (jap. Kannon) verstanden wird. Die grundlegende politische Rechtstendenz erklärt, warum in Japan mit der Meiji-Restauration erfolgreich eine konservative Revolution durchgeführt und darauf gestützt Japan zum ersten nichteuropäischen Industriestaat aufsteigen konnte. Dadurch wurde Japan die Hölle des linken Maoismus erspart, welche sich in der Volksrepublik China auftat.


Angesichts dieser grundlegenden Rechtstendenz erstaunt die Existenz des japanischen utopischen Denkers Ando Shoeki (1703-1762). Es ist vermutet worden, daß er in seinen utopischen Auffassungen von Europa beeinflußt worden sei. Dagegen spricht die Verwurzelung seiner Ansichten in der chinesischen Geistestradition. Gerade die nichteuropäische Argumentation macht jedoch die Analyse der Ansichten dieses japanischen utopischen Denkers bedeutsam: Trotz der unterschiedlichen Terminologie wird nämlich eine große weltweite Ähnlichkeit in den ideologischen Grundannahmen des leftism sichtbar. Neben dem Drei-Stadien-Schema der geschichtlichen Entwicklung – ursprüngliche Herrschaftslosigkeit bei Gemeineigentum – Klassengesellschaft der verbrecherischen Gesetzeswelt (Jetztzeit) – künftige Herrschaftslosigkeit der großen Gleichheit – ist die Ähnlichkeit in den anthropologischen Annahmen dieser Geschichtskonstruktion erstaunlich. Ando Shoeki nimmt dabei insbesondere die Marxsche Konstruktion vorweg. Auch beim japanischen Utopisten geht es um das Mehrprodukt, das die Herrschaftsbegründung und damit die Entzweiung (Entfremdung) hervorruft. Dafür werden religiöse Lehren verantwortlich gemacht, welche die Hierarchisierung der Gesellschaft und damit politische Herrschaft herbei geführt hätten. Dementsprechend wird ein religionsfeindliches Konzept propagiert, wenngleich sich die grundlegenden Annahmen des utopischen Denkens selbst nur quasi-theologisch verstehen lassen. Die Große Gleichheit, welche mit Herrschaftslosigkeit gleichgesetzt wird, ergibt sich aus der Einheit des Menschengeschlechts, welche damit gewissermaßen zum Gesamtmenschen wird, der als solcher unsterblich ist.


Die Erklärung für den Eintritt des entfremdenden Zustands ist dabei bei Ando Shoeki ebenso wenig überzeugend wie bei Marx; dies gilt auch für die Behauptung, der Eintritt des Endzustands als mehrwertige Wiederkehr der gesellschaftlichen Urzustandes sei gewissermaßen naturwissenschaftlich gesichert. Ando Shoeki ist dabei insofern konsequent, als er das Abwarten empfiehlt (eine Haltung des „Attentismus“, die sich für die marxistische SPD ergeben sollte), bis der Führer (der gerechte Mann) geboren wird, welcher den Zustand der großen Gleichheit und Herrschaftslosigkeit herbeiführen würde. Allerdings hat sich Shoeki durch das Drängen seines Schülerkreises veranlaßt gesehen, sich doch Gedanken zu machen, wie eine Gesellschaft aussehen könnte, die dem Zustand der Großen Gleichheit weitgehend entspricht. Dann führt diese „Übergangsgesellschaft“ doch schnell zu der Welt eines Mao, Pol Pot und Kim il Sung!


Schließlich wird im Beitrag hervorgehoben, daß das utopische Denken eines Ando Shoeki die realistischen Möglichkeiten der Politik verfehlt, die sich gerade in Japan aufgetan haben, wo entgegen der maßgeblichen politischen Doktrin und als Besonderheit des vormodernen Asien ein Bürgertum entstanden ist. Die entsprechenden Entwicklungsmöglichkeiten konnten dann nur durch eine rechte politisch-ideologische Hegemonie verwirklicht werden, die sich in der Meiji-Restauration zum Ausdruck bringen sollte.


Anmerkung:


Die vorliegende Abhandlung stellt eine Ergänzung zu den zwei derzeit erhältlichen Veröffentlichungen des Verfassers dar:


Buch


 


Das Buch von Josef Schüßlburner, Konsensdemokratie: Die Kosten der politischen Mitte, betont die Notwendigkeit der Anerkennung des friedlich ausgetragenen Rechts-Links-Antagonismus für das Funktionieren einer als frei anzusehende Demokratie, welche ansonsten in das immer höhere Kosten verursachende Regime einer Mitte als Obrigkeit überführt wird.

Das Buch von Josef Schüßlburner, Roter, brauner und grüner Sozialismus. Bewältigung ideologischer Übergänge von SPD bis NSDAP und darüber hinaus. 2013, 350 S. gr. ISBN 3-944064-09-7. Arnshaugk. Kt., dasin einer unveränderten Neuauflage für 19.90 € wieder erhältlich ist, befaßt sich mit den Erscheinungsformen linker politischer Ideologie.



pdf Die weltweite Ähnlichkeit des leftism